Auf Hauen und Stechen: Milliardenmarkt Verpackungsmüll soll neu geordnet werden
(openPR) - Die Novellierung der Verpackungsordnung hatte Sigmar Gabriel angekündigt und da geht es um mehrere Milliarden. Der frühere Monopolist sieht vor allem den Sündenfall der bisherigen Ordnung bei den Selbstentsorger. Die hatten eine Lücke ausgemacht und diese nach Ansicht des DSD schamlos ausgenutzt. Jetzt wehren sich die Selbstentsorger und rechnen dem Lizenzgeber des Grünen Punktes seine Sünden gegen. Der Königsweg liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Aber zunächst fliegen einmal die Fetze, meint das Branchenmagazin EUROPATICKER Umweltruf (www.europaticker.de).
Der Ex-Monopolist Duales System Deutschland GmbH (DSD) dränge die Politik massiv dazu, den geplanten Ausstieg des amerikanischen Eigentümers KKR mit der Ausschaltung lästiger Wettbewerber zu versüßen. Peter Zühlsdorff, ehemaliger DSD-Vorstandschef und heute DSD Beiratsmitglied, erklärte öffentlich: KKR wird sicher ein ordentliches Geschäft machen. Laut FAZ hat Zühlsdorff die DSD-Übernahme durch KKR Ende 2004 eingefädelt, moniert heute der Bundesverband der Selbstentsorger von Verkaufsverpackungen e.V., ein von dem Geschäftsführenden Gesellschafter der BellandVision-Gruppe, Roland Belz, beherrschter Verband.
BellandVision wiederum hat das „Selbstentsorgergeschäft“ fest in der Hand. Kunden wie die Drogeriekette von Dirk Rossmann vertrauen mit ihren Eigenmarken auf die Selbstentsorgung. Aber auch die Familie Bahlsen, Phil Collins and Friends, Erbprinz zu Löwenstein sowie Rüdiger Zarnekow haben ihre Finger im Spiel. Die Idee der Visionäre der 1999 gegründeten Belland AG in Solothurn/Schweiz hat indes durchaus ihren Charme. Sie wollen sortenrein sortieren und wieder verwenden. Am 14 Dezember soll das erste Werk in im thüringischem Rudolstadt-Schwarza in Betrieb gehen.
Das Werk hat seinen ersten Ärger mit Hilfe der Gerichte bereits gemeistert. Die Deutsche Umwelthilfe (DHU) hatte noch im Sommer gemutmaßt, die Maschinen lägen dort nur zur Schau in einer alten Scheune und würden niemals ihre Tüchtigkeit unter Beweis stellen. In drei Tagen nun soll die offizielle Inbetriebnahme starten. Roland Belz schwärmt schon einmal: „Es sei die weltweit erste industrielle Anlage auf der innovative Kunststoffe BELLAND Material recycelt wird.“ Unter den Augen des zuständigen Ministerialrates vom Thüringischen Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt wollen Hubert Bahlsen und Roland Belz ihre „Innovationen zur verbrauchergerechten Finanzierbarkeit der haushaltsnahen Verpackungsentsorgung“ demonstrieren.
Unterdessen lässt Selbstentsorger-Präsident Belz zunächst einmal den Bundesverband kräftig „bellen“. Stimmungsmache gegen den ungeliebten Ex - Monopolisten ist angesagt. Damit für DSD ein stolzer Verkaufspreis erzielt werden kann, sollen die Selbstentsorger als preiswirksame Wettbewerber bei der Verpackungsentsorgung mit Hilfe des deutschen Verordnungsgebers auf einen Nischenmarkt abgedrängt werden, sagt Hautgeschäftsführer Michael Webersinn.
Dabei sei die DSD bereits heute hochprofitabel: Laut FAZ wurden nicht nur 160 Mio. Euro Schulden getilgt. Der Ex-Monopolist konnte im letzten Geschäftsjahr auch üppige 15 Prozent Gewinnmarge vor Steuern vorweisen. Den leichten Rückgang des Umsatzes um 118 Millionen Euro von 2004 auf 2005 konnte DSD mit um 253 Millionen Euro drastisch reduzierten Zahlungen an Entsorgungsunternehmen mehrfach wettmachen, rechnet Webersinn vor.
Die so erzielten überproportionalen Kostenreduzierungen verdeutlichten schlaglichtartig: Die ständig wiederholten Falschbehauptungen der dualen Systeme, dass die Selbstentsorger ihre Entsorgungskosten auf duale Systeme abwälzen und damit die haushaltsnahe Entsorgung gefährden, gehören endgültig in das Reich der Fabel. Während sich der Marktanteil von Selbstentsorgerlösungen nur geringfügig erhöht, nehmen andere duale Systeme dem Marktführer DSD deutliche Umsätze weg, so der Branchenverband.
Die überaus gute Gewinnsituation von DSD, das Wachstum der anderen dualen Systeme und die Gründung weiterer dualer Systeme entlarven die Behauptung, die haushaltsnahe Sammlung von Verpackungsabfällen sei wirtschaftlich gefährdet, als Täuschungsversuch. Ziel des Manövers sei es, die Politik zu einer Änderung der Verpackungsverordnung zu veranlassen, um Selbstentsorger als substanzielle Wettbewerber endgültig auszuschalten. Am Ende stünde ein klassisches Oligopol der dualen Systeme als eine lukrative Komfortzone ohne Systemwettbewerb. Die Zeche, nämlich steigende Preise, zahlen dann wieder einmal die Verbraucher, meinen die Selbstentsorger.
Nicht die Handelsunternehmen verlieren die Nerven, wie Zühlsdorff mutmaßt, sondern die Interessenvertreter des DSD. Der Systemwettbewerb zwischen Selbstentsorgern und dualen Systemen hält die Preise für die Verpackungsentsorgung niedrig. Er hat bereits zur Senkung der Lizenzgebühren von über 1 Milliarde Euro geführt. Daher sind die Handelsunternehmen mit der Situation zufrieden und befürworten den Systemwettbewerb zwischen Selbstentsorgern und dualen Systemen.
Zu fragen bleibt, welches Interesse den DSD-Beirat Peter Zühlsdorff und den DSD Aufsichtsratschef Prof. Erich Greipl tatsächlich umtreibt. So berichtet das Handelsblatt in seiner Ausgabe vom 30.11.2006 von einer beispiellosen Mischung aus Geschacher, Vernebelung und womöglich gar einer Art Insiderhandel, mit der Aufsichtsratchef Greipl zusammen mit Zühlsdorff den Verkauf von DSD an KKR durchgeboxt hat. Denn mit 836 Millionen Euro in der Firmenkasse war der Lizenzgeber des Grünen Punktes ein begehrtes Kaufobjekt. So ist es bis heute aus wirtschaftlichen Gründen nicht nachvollziehbar, weshalb DSD in Windeseile für 260 Millionen Euro an KKR geradezu verramscht wurde. Dabei ließen sich die Käufer sogar den Hauptanteil des Kaufpreises über Kreditaufnahmen von DSD in Höhe von 160 Millionen Euro mitfinanzieren, die zusätzlich neben den 230 Mio. Euro Gewinn vor Steuern bereits zurückbezahlt werden konnten.
Brancheninsider vermuten auch wegen des enormen persönlichen Einsatz von Zühlsdorff und des Metro-Manns Greipl schon lange, dass sie als wahre Hintermänner des KKR-Deals in erster Linie auch ihre ganz persönlichen Profitinteressen verfolgen – auf Kosten der vielen ahnungslosen Gesellschafter aus dem deutschen Einzelhandel und ihrer Kunden, den deutschen Verbrauchern.
Freilich sieht das der Kölner Lizenzierer ganz anders. Es ginge schon „unter die Gürtellinie“ meint deren Sprecher gegenüber europaticker. Ärger und Beschimpfungen sind die 300 Leute in der DSD Zentrale um Stefan Schreiter (Jahrgang 1964) gewohnt. Da sind auf der einen Seite die Kommunalen Entsorger um den Hamburger Stadtreinigungs- Chef Dr. Rüdiger Siechau, die nicht müde werden, die Entsorgungshoheit auch für den Grünen Punkt zu reklamieren. Auf der anderen Seite droht auch Ungemach von den beiden anderen Lizenzieren Interseroh und Landbell, die inzwischen in allen Bundesländer auf Geheiß des Bundeskartellamtes zugelassen werden mussten. Ein dritter Player steht bereits in den Startlöchern, hat aber bislang nur in Hamburg eine Zulassung. Aber gerade der könne gefährlich werden. Es ist der Entsorgungsriese REMONDIS.
Der in Berlin ansässige Bundesverband der Selbstentsorger von Verkaufsverpackungen e.V. (BSVV) ist ein bundesweiter Verband von Selbstentsorgern. Er vertritt die Interessen seiner Mitglieder und führender Handelsketten, die ihre originäre Produktverantwortung als Selbstentsorger wahrnehmen und einen Gesamtumsatz von rund 40 Milliarden Euro aufweisen, stellt sich der Bundesverband der Selbstentsorger von Verkaufsverpackungen e.V. selbst dar.
Morgen lesen Sie im EUROPATICKER Umweltruf:
Zwei Jahre DSD im Wettbewerb
Redaktion EUROPATICKER Umweltruf
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Der EUROPATICKER Umweltruf erscheint im 7. Jahrgang. Das Ersterscheinungsdatum war der 20. März 2000.
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